Licht und Schatten
Die Fortsetzung von Weg eines Priesters
Sechs Jahre. Sechs Jahre gelernt, sechs Jahre gelehrt. Erkundet, gesucht und doch nicht gefunden. Und nun soll es soweit sein? Nun soll der Tag gekommen sein? Die Ereignisse stehen günstig, wir werden sehen ...
Wir schreiben das Jahr 27 nach dem ersten Krieg, sechs Jahre seit meiner Flucht. Ich bin mittlerweile vom Novizen zu einem höheren Priester des Lichtes aufgestiegen, Benedictus hatte mich viel gelehrt. Als eine Art Bischof könnte man mich bezeichnen, denn ich trage die Bischofskleidung ähnlich wie Bischof Farthing, jedoch habe ich es abgelehnt, ein Bistum zu erhalten, da mein Platz in der Welt nicht fest und ich gleichzeitig nirgendwo als auch überall zu Hause bin. Ich diene dem Heiligen Lichte nun als Missionar, was mir Freiheit in meinen Reisen als auch Freiheit in meinen Entscheidungen gibt. Nun gut, immer noch auf der Suche nach einer Möglichkeit, die schreckliche Geißel, die meine Eltern getötet hat, aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen, betrat ich gerade die Kathedrale des Lichts in Stormwind, um mich nach der derzeitigen Situation in der Welt zu erkundigen.
»Bruder Cargor, sagt, war die Reise in die Pestländer erfolgreich?«, fragte mich die Hohepriesterin.
»Teils, teils ... Das Mal des Lichtbringers habe ich von der Geißel retten können, doch zeigte es nicht die erhoffte Wirkung. Es scheint wirklich nur ein bloßes Relikt von Uther Lightbringer zu sein und keine Waffe«, antwortete ich.
»Das betrübt mich, wir werden unsere Untersuchungen wohl fortsetzen müssen. Doch sagt - habt ihr das Mal noch? Vielleicht muss man es irgendwie aktivieren, ich vermag nicht zu glauben, dass unsere ganzen Mühen, den Ort dieses Artefakts zu finden, umsonst waren.«
Ich blickte auf den steinernen Boden der Halle, dann sagte ich: »Als ich mich auf den Rückweg zum Lager machte, kam mir ein Trupp der Schlachroten Ritter entgegen, sie schienen von dem Mal zu wissen, dass ich bei mir trug.«
»So habt Ihr es also nicht mehr bei Euch?«
»Die Scharlachroten scheinen etwas bestimmtes damit vorzuhaben und sie haben keine Mühen gescheut, es mir abzunehmen. Ich habe bereits Anachoret Truuen von den Draenei im Lager davon informiert. Er sagte, dass er einen Krieger dorthin aussenden wird, denn meine Kraft reicht nicht aus, um mich allein dem Kampf gegen Zugewandte des Lichts zu stellen.«
»Da habt Ihr wohl Recht, Bruder Cargor. Ich bin mir sicher, er wird sich darum kümmern. Doch warum ich Euch herbat, ist eine andere Sache.« Sie trat näher, dann sprach sie:
»Wir haben sie gefunden.«
Ich erschrak. Sechs Jahre auf der Suche und nun waren sie gefunden? Nachdem ich mein Erstaunen überwunden hatte, stieß ich hervor: »Das ist unmöglich, ihr wisst, dass dies nicht möglich sein kann!«
»Ich fürchte, das ist es. Cargor, wir haben deine Eltern gefunden.«
Nach einem längeren Gespräch wusste ich, dass auch diese gute Nachricht eine schlechte Seite hatte. Meine Eltern befanden sich, Hohepriesterin Laurena zufolge, in Undercity, wo sie von den Untoten bewacht wurden. Als ich daraufhin nach dem Wort »bewacht?« fragte erklärte sie mir, dass meine Eltern statt einen schnellen Tod zu finden, zu willenlosen Dienern der Geißel geworden waren. »Cargor, wir wissen, wie schwer diese Nachricht für dich ist, doch du weißt, dass es Hoffnung geben kann.«
»Wie denn? Woher?!«, fuhr ich sie an. »All' meine Reisen in unbekannte Gegenden dienten nur diesem einen Zweck. Nozdormu, der Zeitlose, konnte mir nicht helfen, auf dem Berg Hyjal fand ich die Quelle der Ewigkeit, die allerdings zu mächtig und zu bösartig ist, als dass sie mir helfe. Ich stieg vom höchsten Berg in die tiefste Höhle und nichts, aber auch gar nichts scheint gegen die Geißel zu helfen!«
Laurena, die meine Reaktion wohl erwartet hatte, sprach ruhig: »Ich weiß. Gäbe es etwas hier auf Azeroth, stünden wir alle nicht hier und müssten uns Gedanken machen.
Aber Cargor, Ihr glaubt doch ans Licht, an die Hoffnung, also sagt mir, werdet Ihr weiter nach einem Heilmittel suchen?«
Ich antwortete, ohne zu überlegen: »So das Licht es will! Gerade jetzt erst recht werde ich alle Orte dieser Welt absuchen, damit so eine schreckliche Seuche nicht wieder erstarken kann!«
»Cargor, Ihr und Euer ... Freund habt bereits den Großteil von Azeroth abgesucht. Ihr kennt jeden Ort, jeden Berg, jeden Grashalm. Doch um diese Schlacht zu gewinnen, bedarf es nicht nur Ortskenntnis. Wenn es ein Heilmittel gibt, dann weiß es nur einer.«
»Brann Bronzebeard...«. Ich sprach den Namen in dem Moment aus, in dem er mir bewusst wurde.
»Genau, der Entdecker und Historiker, der in allem bewandert ist. Wir wissen nichts über seinen derzeitigen Aufenthaltsort, doch Eure Suche sollte in Ironforge starten, in der Halle der Forscher. Möge das Heilige Licht Euch auf Euren Reisen beistehen.«
Während der kleine Zwerg eine große Leiter in der Bibliothek hochkletterte, schaute ich mir den Raum näher an. Die runde Halle war über und über mit Bücherregalen bis in den letzten Winkel vollgestopft. Die restlichen Bücher, die nicht mehr in die Regale passten, lagen verstreut auf den hölzernen Tischen, manche unachtsam aufgeschlagen, andere sorgsam aufeinandergestapelt.
So reiste ich nach Ironforge. In der Halle der Forscherliga, deren Mitglied ich übrigens war, erzählte mir Muninn Magellas, seines Zeichens Leiter der Liga, folgendes: »Ihr sucht nach Brann? Das ist wahrscheinlich schon eine lange Zeit her, dass ich von ihm hörte. Ich weiß nicht direkt, wo er ist oder was er macht, doch habe ich hier etwas, was Euch weiterhelfen könnte, verehrter Priester...«
Hier war das gesamte zwergische Wissen von ganz Azeroth gesammelt und Zwerge wissen wahrscheinlich mehr über Geschichte und Geografie als andere Rassen der Allianz.
»Ah, da ist es ja!«. Murinn holte ein großes Buch mit ledernden Einband hervor. »Hiermit werden wir erfahren, wo sich der gute alte Brann aufhält, beziehungsweise als letztes aufgehalten hat.«
Als ich das Buch genauer betrachtete, fragte ich mich, wie ein Buch, das als »Wie man einen Wüstenskorpid schmackhaft zubereitet - von Rutgar Glyphshaper« mir ernsthaft weiterhelfen könnte.
Doch als ich meine Frage äußerte, lachte Murinn nur und zog eine vergilbte Seite, kleiner als das Buch, aus jenem hervor. »Hier sind Brann's letzte Berichte geschrieben.«, erklärte der Zwerg.
»Es scheint mir, als stammen sie von Ahn'Qiraj in Silthus. Ahja, ich erinnere mich. Brann hatte dort ein Lager weiter im Südosten, ihr solltet dort nach ihm suchen.«
Ich bedankte mich und brach schnell gen Menethil, dem Tor nach Kalimdor, auf.
Die Reise verlief ziemlich ruhig und kaum erwähnenswert und so befand ich mich schon nach wenigen Stunden in der Hochburg von Cenarius.
Brann Bronzebeard's Lager zu finden stelle sich auch als leichter heraus, als erwartet und so fand ich es schließlich im Süden von Silithus, östlich vom Eingang zu Ahn'Qiraj. Aus den sandfarbenen Bergen hoben sich die zwei weißgelben Zeltplanen zwar kaum ab, doch es winkte mir schon freudig ein Zwerg entgegen.
Er stellte sich als Rutgar Glyphshaper heraus, einer der beiden forschenden Begleiter von Bronzebeard. Doch auf die Frage, wo Brann sich befindet, antwortete er nur:
»Priester, wir hatten hier unser Lager aufgeschlagen, Brann wollte sich Ahn'Qiraj anschauen. Das hat er dann auch getan und als er nach einigen Wochen zurückkam, gab er uns nur einen Bericht über die Silithidenstadt und dann ist er schon wieder verschwunden! Der Zwerg hat mit Sicherheit nichts von dem Gespür seines Bruders geerbt.«
»Habt Ihr eine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte?«, fragte ich den Forscher.
»Wisst ihr, er sprach immerzu nur von einem Ort, zu dem er müsste. Die ganze Zeit sprach er von nichts anderem - und Ihr wisst ja, wenn er sich erstmal etwas in den Kopf gesetzt hat, führt er es auch durch. Wenn er bloß nicht immer dabei verloren ginge ...«
»Sagt mir, wo ist er hingegangen?«
»Es gibt nur einen Ort, an dem er noch nicht war und dieser befindet sich nicht auf dieser Welt - er sprach davon, zur Scherbenwelt zu reisen!«.
So führt mich meine Reise also in eine neue Welt, eine Welt, die vielleicht nicht einmal der Brann vollständig gesehen hat. Ich werde ihn finden, ihn, der schon so oft verloren gegangen ist, verschwunden, dass man ihn für tot gehalten hatte, und dann doch wieder aufgetaucht ist.
Doch bin ich nur ein Priester des Lichts und nicht für den Kampf geboren, ich brauche Unterstützung.
Und die kann ich nur von einem bekommen, einer der sich in der Magie auskennt, die sich so sehr von meinem Glauben an das Licht unterscheidet. Einer, den selbst die Dämonen nicht aufhalten können, weil er zu viel über sie weiß. Ich brauche einen Hexenmeister. Und dafür kommt nur der in Frage, mit dem ich schon über ein Jahr nach Antworten suche und Orte finde ...
